Prosatexte

Schwamm

Es gibt Momente in unserem Leben,

da wissen wir einfach nicht wohin.

Wir glauben nicht was wir geben,

wir sehen keinen tieferen Sinn.

Wozu auch? Denn das Schicksal,

bereitet uns nur eines, Schmerz, Leiden, Qual.

 

Wir zerstörten uns selbst,

gaben auf was wir waren.

Haben uns komplett verstellt,

waren über nichts mehr im klaren.

Wir sehen nichts, erkennen zwar Fehler,

doch fühlen uns dabei doch nur leerer.

 

Gepeinigt von allem.

Geschändet von jedem.

Wollten alles aufgeben,

nur um jetzt zu zerfallen.

 

Das merkwürdige, an der Tatsache des Mitfühlens ist, die Emotionalität die einen dabei überkommt. Die schlagartige Ansteckung, die kurze Inkubationszeit, welche einen binnen Stunden zum Opfer der Agonie macht. Man möchte helfen und findet sich selbst im Strudel der Gefühle wieder. Man beginnt Fragen zu stellen. Erst einfach, nur ein Wort. Wieso? Weshalb? Wo? Warum? Danach weiten sie sich aus, wie Metastasen die immer weiter wuchern. Es entstehen die ersten Wortgruppen. Wieso jetzt? Warum er? Wieso ausgerechnet sie? Warum die beiden? Das Krebs ähnelnde Geschwür weitet sich aus und man beginnt Sätze zu denken, welche man vorher nicht einmal träumte. Im ganzen Universum gibt es so viele Organismen, warum muss der Mensch diese Bürde tragen? Warum ausgerechnet diese Konstellation? Wieso zu diesem unpassendsten aller Zeitpunkte?

Man ist eigentlich gar nicht involviert und es könnte einem komplett egal sein, doch das ist es nicht. Man erkennt auch nicht die Ursache, obwohl man den Grund kennt. Man probiert zu helfen und weiß doch, dass man nichts tun kann. Man weiß so wenig und meint doch so viel. So viel würde man gern tun und doch kann man nichts. Viele Dinge hat der Mensch vollbracht, doch so etwas lösen kann er nicht. Die Bürden anderer von ihnen nehmen, um sie wieder glücklich zu sehen. Die ganze Scheiße einfach verschwinden lassen unter einem großen grünen Teppich. Aber wäre das wirklich besser? Wäre das wirklich eine Lösung? Selbst wenn es das wäre, würde man so etwas tun? Sich selbst quälen, damit anderen ein besseres Leben beschert wird? Die Geschichte ist voll von Märtyrern, die für ihre Überzeugung gestorben sind. Sei sie religiös oder politisch, man starb für sie, zumindest sagt man das. In Wahrheit tut man es aber für sich selbst. Man weiß genau, dass was man tut, tut man nicht aus altruistischen Motiven, sondern auch eigennützigen. Die Verewigung seiner selbst, die Unsterblichkeit durch seine Tat ist der größte Antrieb eines Märtyrers. Der Mensch ist von Haus aus ein Egoist der das heucheln vor dem gehen lernt. Babys sagen immer die Wahrheit. Bevor sie sprechen sagen sie nur die Wahrheit. Das was über ihre Lippen kommt ist richtig und gut. Doch wir leben in keiner Welt der Dudus und Dadas oder Ugadugas. Wir Leben in einer Welt, die von Gefühlen regiert wird. Nicht das Hirn denkt, sondern das Herz fühlt. Menschen sind trieb gesteuert und aus Trieben werden in der heutigen Gesellschaft Gefühle. Die Gefühle, die man selbst entfindet sind Allgemeineigentum. Der Gefühlskommunismus herrscht in unser aller Häuser. Teil dich mit! Erkläre was du empfindest? Sind wir nicht alle Gefühlsfaschisten und würden dieser Ideologie des Allgemeinen Eigentums am liebsten den Krieg erklären? Krieg seiner Selbst. Die Schizophrenie der eigenen Gefühle. Chemische Prozesse, die sich bekämpfen, um zu dem Schluss zu kommen, dass der eigentliche Feind nicht innen zu suchen ist, sondern außen. Wieso auch nicht? Draußen liegt das Gold vergraben. Am Ende des Regenbogens steht ein Topf aus Gold. Was will der Mensch mit Gold? Geld ist nichts. Besitz ist nichts. Der Kommunismus herrscht. Geld regiert vielleicht die Welt, doch Gefühle leiten sie. Wirft sie aus ihrer Bahn. Altruisten sind die Möchtegern Märtyrer. Heucheln sie? Wollen sie Aufmerksamkeit? Kann ein Mensch überhaupt gut sein? Der Mensch ist schlecht! Der Mensch focht Kriege, erfand Krankheiten und zeugt Kinder. Er liebt. Kommunismus? Was mein ist, ist auch dein. Uns gehört alles. Die Welt ist für jeden da. Gepachtet von den Kindern, vererbt an die Enkel. Was wollen Embryonen und noch nicht befruchtete Eizellen mit einer Welt? Ihre Welt ist nicht mal einen Quadratmeter groß. Sie leben ohne Vorwerkstaubsauger und die Krönung. Ein Wasserfass reicht ihnen. Ein Dreivierteljahr nur existieren, um zu existieren. Wir leben wie wir sterben und das Tag für Tag. Sterbe ich für andere? Der Märtyrer? Aufmerksamkeit für mich ganz allein? „Er war so wie keiner!“ „Nie wird einer so sein wie er!“ „Wir werden ihn nie vergessen!“ Gesagt, gehört, vernommen, vergessen. Zwischen verstanden und verloren liegen nur ein paar Zentimeter.

Glaubt man dem anderen? Natürlich versteht man ihn nicht, aber glaubt man ihm? Kauft man ihm das ab was er einem sagt? Wieso nicht, schließlich hätte er keinen Grund zum lügen, außer das er ein Mensch ist, denn ein Mensch lügt. Egal was er sagt, er lügt. Aber ist eine Lüge nicht gleichzeitig wieder eine neue Wahrheit. Ich sage, dass gelbe Auto ist blau. Definition ist alles. Definition ist der Syntax unserer Welt. Uns wird diktiert, was wir wo und wie zu verstehen haben. Interessiert das irgendjemand? Sicher. Interessiert irgendjemand was ich denke oder schreibe? Sicherlich nicht. Wieso dann das Märtyrertum? Warum in den Tod gehen für seine Überzeugung. Warum schmerzen ertragen, für etwas, das kein anderer versteht? Ohne Publikum kein Applaus und das ist doch das Brot des Künstlers. Bin ich ein Künstler? Ein Künstler ohne Leinwand. Ohne Lehrmeister. Ich will die Menschen glücklich machen, will ihnen ihre Probleme abnehmen. Will sie lösen, auf mich nehmen. Kann ich das? Niemals. Wieso sollte ich das auch können? Bin doch nicht einmal im Stande bei einer Sache zu bleiben. Springe hin und her. Ein Bonbonpapier im Wind. Nutzlos für die meisten, erheiternd für die anderen und traurig für die Erkennenden. Will ich Mitleid? Nein. Brauch ich Mitleid? Vielleicht. Tut es mir gut? Mit größter Wahrscheinlichkeit. Also tu ich alles was ich tue aus einem Grund. Dem Mitleid! Das ist die Erkenntnis. Ich prostituiere meine Gedanken durch eine Veröffentlichung aus einem Grund. Ich möchte Mitleid! Das ist einfach, das ist logisch, das ist Richtig! Eins und Eins ist schließlich auch Zwei, wieso soll also nicht auch das so einfach sein? Die einfachsten Wege sind im Prinzip die richtigen. Die Welt ist nur nicht Schwarz und Weiß. Gut und Böse gibt es nicht. Es gibt Grau. Ein einheitliches Grau in das alles hineinspielt. Also jetzt doch kein Mitleid? Wieso nicht? Warum? Wo? Jetzt? Einsilber. Der Krebs bricht wieder heraus. Die Konjugation der Synapsen verschwindet langsam hinter einem Wall aus Fragen. Sie wuchern über das gesamte Hirn und bedecken es. Ein Schwamm aus Gleichgültigkeit umarmt meine Gedanken. Wurde ich angesteckt? War ja da und hörte alles. Versuchte zu verstehen, tat es auch irgendwo, irgendwie, irgendwann. Doch ich sehe keine Luftballons die mir sagen was ich tun soll, so wie sonst.

Mein Leben lief anders, hab ja nichts erlebt. Lebenserfahrung? Wo? Wie? Wann? Jetzt? Der Schwamm... er drückt auf meine Gedanken. Saugt sie auf und sie riechen jetzt so komisch. Ich will doch nur denen helfen, die ich mag. Will doch nur da sein, wenn sie einen brauchen. Beginne aber langsam an meinem Märtyrertum zu zweifeln. Wieso bin ich so? Warum? Wo? Wie? Wann? Jetzt? Es drückt. Fast alle Gedanken sind weg. Spüre nur noch den Wunsch der Ruhe. Alle Mechanismen wurden abgeschaltet. Standby. Das System möchte neu gestartet werden, brauch eine Ruhephase aber ein winziger Prozess weigert sich. Er will nicht gehen. Nicht jetzt. Wird vom Schwamm penetriert. Warum? Wieso? Wo? Jetzt? Der Prozess sagt nichts. Er schaut das Gewebe aus Fragen nur an. Keine Angst. Keine Furcht. Nichts. Verspielt. Einsam. Möchte zu seiner Mami. Unterm Rock ist es schön, denn da kann man interessante Dinge sehen. Aber wo steckt der Zusammenhang? Was soll der ganze Mist eigentlich? Wo hab ich begonnen? Wie werde ich es beenden? Warum tu ich so was? Weshalb Jetzt? Ich weiß es nicht Schwamm. Ich würde es dir sagen und dich danach in die Sonne legen, damit alle Gedanken, damit alle Fragen verdunsten. Sie werden zu Wolken, die weiterziehen und sich über dem nächsten abregnen. Ein neuer Märtyrer entsteht. Wir sind alle nichts weiter, als das Produkt unserer Fragen. Bloße Anglizismen in der Sprache unserer Selbst. Fremdkörper im eigenen Korsett. Unsinn auf zwei Beinen. Seit so langer Zeit sind wir so. Wissen alles besser und erkennen nichts. Wollen nur das beste und wissen doch, dass es sinnlos ist. Wollen helfen und wissen doch, dass es nichts bringt. Gefangene unserer eigenen Überzeugung. Märtyrer gefangen im Körper eines Egoisten. Wollen für sie Sterben, können es nicht. Brauchen Aufmerksamkeit. Wiederhohlen uns und beginnen zu weinen. Tränen sind die Sprache der Seele. Eine Seele lacht nämlich nicht. Wie auch? Seelen sind von grund auf melancholisch. Leben in stetiger Agonie. Nichts ist richtig, alles ist falsch. Unsere Seelen sind Schwämme. Durchlöchert mit Fragen und wartend auf Antworten.

Der Tod hat einen scheiß Beruf. Muss uns aufsammeln, wenn wir am hilflosesten sind. Stützen wenn wir verstümmelt sind, uns aufsammeln, wenn wir uns in die Luft sprengen. Selbstmord ist dumm. Altruistisch nicht vertretbar. Gemeinnützige Menschen bringen sich nicht selbst um. Wo bleibt da das Prestige? Kein Applaus heißt keine Nahrung. Brot für die Welt, Klatschfutter für die Altis. Willkommen zum Treffen der Anonymen Altruisten, mein Name ist zensiert und ich bin abhängig. Übernimmt die Krankenkasse das? Nein. Wieso auch? Bin ja nicht privat. Bin nur ein Schwamm. Das Pronom des großen Ganzen. Kommt eine Apokalypse steh ich im ersten Anklagepunkt immer ganz vorn. Der Grund wird durch mich gesucht, finden tut sie ein anderer, aber ich bin daran beteiligt. Olympia bis in den Tod, dabei sein ist alles. Wieso immer Ehrgeiz? Warum immer Eifer? Wo? Jetzt? Der Schwamm rückt näher. Fühle mich eingeengt. Spüre wie er auf meine Schädeldecke trifft. Versucht sie aufzusprengen, doch es gelingt ihm nicht. Dickköpfe haben es gut. Rennen gegen die Wand und suchen gleich die nächste. Schmerz ist kurzweilig, Hauptsache Augen zu und durch. Wieso Anstrengen und denken? Wozu hab ich Schwämme? Sollen die doch denken. Ich will nur helfen. Das Brot der Dummen ist mir gerade gut genug. Allgemeinheit ist das Recht, zu haben was ich will. Mein Schwamm tritt mir aus meinen Ohren und versperrt mir die Sicht auf mein Frühstücksbrot. Wie soll man Leben mit verstopften Gehörgängen? Die Zeichen enden immer dann, wenn man aufhört daran zu denken, doch wie denkt man, mit einem Schwamm im Kopf? Altruisten sind das Ende dieser Welt, Egoisten gehört die Zukunft. Gemeinsam können wir das Universum regieren. Ihr seid die Regenten und wir negieren. Alles hat einen Sinn, nichts ist Gleichgültig. Jeder bekommt das was er verdient. Ich verdiene einen Schwamm.

1 Kommentar 20.9.07 12:29, kommentieren